Wohin steuert die Demokratie in einer Zeit, in der Menschenrechte, offene Debatten und das Vertrauen in Institutionen unter Druck geraten? Diese Frage stand im Zentrum des Semesterfrage Abschlussevents am 22. Juni 2026 im Großen Festsaal der Universität Wien, das der Forschungsverbund Demokratie und Menschenrechte gemeinsam mit der Rudolphina mitgestaltete.
Demokratie als Verantwortung der Universität
Der Abend begann mit einer Begrüßung durch Rektor Sebastian Schütze, der betonte, warum Demokratie ein zentrales Thema für die Universität Wien ist. Universitäten forschen und lehren nicht nur, sondern tragen auch Verantwortung dafür, Wissen in die Gesellschaft hineinzutragen.
Diese Verantwortung prägt auch die Arbeit des Forschungsverbunds Demokratie und Menschenrechte. Die Co-Direktor*innen Sylvia Kritzinger und Lysander Fremuth stellten die Ziele des Forschungsverbunds vor: interdisziplinäre Forschung zu stärken, den wissenschaftlichen Austausch zu fördern und die Forschung über die Universität hinaus sichtbarer zu machen.
Menschenrechte als Grundlage offener Gesellschaften
Wie eng Demokratie und Menschenrechte miteinander verbunden sind, zeigte anschließend Volker Türk, UN-Hochkommissar für Menschenrechte. In seiner Keynote machte er deutlich, dass Menschenrechte keine Ergänzung zur Demokratie sind, sondern zu ihren Grundlagen gehören. Demokratie braucht Menschenrechte, um resilient, glaubwürdig und gerecht zu bleiben. Menschenrechte wiederum brauchen demokratische Systeme, um Freiheit, Teilhabe und Rechenschaftspflicht zu sichern. Besonders eindrücklich war sein Bild eines „leeren Stuhls“ für zukünftige Generationen: Demokratische Entscheidungen müssen auch jene mitdenken, die mit ihren Folgen erst in Jahrzehnten leben werden.
Demokratische Erosion und Handlungsspielräume
Nach der Keynote kamen internationale Studierende der Universität Wien in kurzen Videostatements zu Wort. Ihre Perspektiven zeigten, dass Demokratie je nach Herkunft, Erfahrung und politischem Kontext unterschiedlich erlebt wird. Viele sprachen über wachsenden Populismus, Desinformation, schwindendes Vertrauen in die Medien und darüber, wer tatsächlich mitbestimmen kann. Zugleich wurde deutlich: Demokratie ist mehr als nur das Wählen. Sie lebt von Beteiligung, öffentlicher Debatte, Meinungsfreiheit und dem Gefühl, dass die eigene Stimme zählt.
In der anschließenden Podiumsdiskussion diskutierte Volker Türk mit Barbara Prainsack, Christian Göbel und Maria Mayrhofer. Moderiert wurde die Diskussion von Gerold Riedmann, Chefredakteur von DER STANDARD. Im Mittelpunkt standen die demokratische Erosion, digitale Öffentlichkeiten, gesellschaftliche Resilienz sowie die Frage, wie Bürger*innen, Institutionen, Wissenschaft und Zivilgesellschaft auf autoritäre Entwicklungen reagieren können. Die Diskussion machte sichtbar, wie vielfältig die Herausforderungen sind, von Angriffen auf unabhängige Institutionen über soziale Ungleichheit und Nullsummendenken bis hin zur Macht digitaler Plattformen. Zugleich ging es um Handlungsspielräume: Solidarität stärken, frühe Warnzeichen erkennen, öffentliche Debattenräume schützen und die Beteiligung im Alltag ermöglichen.
Im Gespräch bleiben
Ergänzend zur Veranstaltung lud das Rahmenprogramm mit Mitmachstationen, Gesprächen mit Forschenden und interaktiven Formaten dazu ein, die Diskussion fortzusetzen. Für den Forschungsverbund Demokratie und Menschenrechte war das Semesterfrage Abschlussevent ein wichtiger öffentlicher Auftakt und eine Einladung, gemeinsam darüber nachzudenken, wie demokratische Gesellschaften verstanden, gestärkt und erneuert werden können.
Die Aufzeichnung der Veranstaltung ist hier verfügbar: